Saturday, June 16, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 23


 

Seite 23

Besieht man sich die Arbeit selbst etwas genauer, so merkt man bald, daß da die Waren (seite 23) nur hin und her gefahren werden, von einem Geschäft zum anderen, vom Erzeuger zum Großhändler, vom Großhändler zum Kleinhändler und in lieblicher Abwechslung so weiter, und bis sie den Konsumenten erreicht hat, ist sie im Preise um das Doppelte und Dreisache von dem gestiegen, was sie beim Erzeuger selbst gekostet hat.
Beim Kleinhändler aber kauft nur der Arbeiter, nur der Mann, dessen Einkommen so gering ist, daß er sich einen Einkauf im Größeren nicht leisten kann.
Am meisten bezahlen muß also derjenige, der am wenigsten hat, erstens weil er eben so wenig hat, und zweitens, weil er in seinem beschränkten Hüttchen, in seiner beengten Wohnung gar nicht den nötigen Raum hat, etwaige größere Mengen von Bedarfsartikeln aufzubewahren, so daß er im Kleinen einkaufen muß.
Im höchsten Grade unproduktiv ist auch unser Versicherungsbetrieb und das Kolportage-und Agentenwesen.
Ungezählte Tausende von Agenten laufen tagein tagaus, jahrein jahraus herum, um Versicherungen abzuschließen, Erhebungen zu pflegen, Gelder zu sammeln, die großen Kompanien zu bereichern, die ihren hohen Beamten ungeheuere Gehälter bezahlen, während die armen Agenten kaum in der Lage sind, sich das Paar Schuhe zu erneuern, das sie sich bei der Arbeit abgelaufen haben.
Massen von Schundliteratur werden durch ungezählte Tausende von Kolporteuren unter das Volk geworfen, wenige Verleger bereichern sich durch das Gift, das sie verschleißen, mit fürstlichem Vermögen und die armen Kolporteure laufen einher mit zerrissenen Schuhen und hungrigem Magen.
Nicht minder unproduktiv ist die Arbeit bei Uebersiedelungen, das Hin-und Herziehen von einer Wohnung zur anderen.
Wie viele Tausende von Arbeitern sind dabei beschäftigt, müssen sich schinden und quälen, das alte, morsche Gerümpel hin und wider zu schleppen, aus der alten  Wohnung, die gleich wieder bezogen wird, in die neue, die gerade erst von ihren früheren Inhabern verlassen wurde und noch im alten Schmutze starrt.
Wer hat damit wieder die häßlichste Arbeit?
Ihr Arbeiterfrauen!
Für Tage, oft für Wochen habt Ihr wieder zu waschen, zu reiben und zu scheuern, um die „neue“ Wohnung, in der Ihr wahrscheinlich nicht länger werdet bleiben können als in der alten, im bewohnbaren Zustand zu bringen.
Und doch müssen die Arbeiter am häufigsten übersiedeln, weil die Beschäftigung, die Anstellung an einem anderen Orte es erheischt oder weil wieder einmal der Geldbeutel gebieterisch fordert, daß eine billigere Wohnung genommen wird.
Die gut Gestellten haben es nicht so leicht nötig, oft zu übersiedeln, sie haben ja ihr wohl eingerichtetes Haus und die Reichen haben ihre Paläste.
Und die Häuser und die Paläste müßt Ihr Arbeiter bauen mit Eurem Schweiße und Eurer Gesundheit, während Ihr in dumpfen, luft-und lichtlosen Löchern wohnt. Könnt Ihr nicht Häuser mit guter Einrichtung und Paläste bauen für Euren eigenen Gebrauch? —

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Thursday, June 14, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 22


 

Seite 22

Wer noch an die Menschheit glaubt, der wird sich sagen müssen, daß der Menschengeist nur nach dieser Richtung hin sich betätigen kann, und da wir alle an die Menschheit glauben, so dürfen wir die schöne Zuversicht (seite 22) hegen, daß der Geist nicht ruhen wird, bis unserer Gesellschaft zu dem paradiesischen Gemeinwesen umgestaltet sein wird, von dem ich träumte und immer noch träume, bis das märchenhafte „Tischlein deck dich für alle!“ zur Wahrheit geworden sein wird.

Ein wenig Arbeitesstatistik.

Sind mir meine Leser schon so lange geduldig gefolgt, so werden sie mir wohl auch noch zu den wenigen noch folgenden Kapiteln zuhören, zunächst diesem.
Wenn sie etwa Schrecken ergreifen sollte vor den nun zu erwartenden Zahlenreihen, so seien sie nur gleich vorweg beruhigt, ich werde nicht mit Zahlen kommen, sondern will in diesem Kapitel nur auf einige Arbeit hinweisen, deren Unproduktivität allen bekannt ist, jedoch nicht allen klar zum Bewußtsein kommt weil nicht alle darüber nachzudenken Zeit haben.
Da ich kein Gelehrter bin, sondern nur ein einfacher Arbeiter, so weiß ich nicht, ob ich den Dingen und Begriffen immer richtig jene Namen gebe, die in der Gelehrtenwelt gebräuchlich und anerkannt sind.
Die Hauptsache bleibt, daß diejenigen mich verstehen, zu denen ich hiermit spreche, und für diese bemühe ich mich, so deutlich als möglich zu sein.
Deshalb erkläre ich kurz den Begriff der Unproduktivität, wie ich ihn im Nachstehenden gebrauche, indem ich sage, unter unproduktiver Arbeit verstehe ich jene, die entweder gar nichts einbringt oder deren ertrag in keinem Verhältnisse stecht zur Leistung.
Nach diesem Maßstabe gemessen ist die unproduktivste aller in unserer Gesellschaftsordnung bestehenden Tätigkeiten die des Militärs, weil sie nicht nur für das Allgemeine nichts abwirft, sondern sogar noch Millionen und Millionen kostet.
Millionen junger kräftiger Leute werden der produktiven Arbeit entzogen, um wie es so schön heißt, „dem Könige und dem Vaterlande“ zu dienen.
Sieht man aber etwas genauer hin, so erhält man einen anderen Vers.
Dem Könige dienen? Zugegeben.
Dem Vaterland?
Ganz und gar nicht.
Nicht dem Vaterlande dient der Soldat, sondern den Herrschenden, den Mächtigen, den Besitzenden, deren ganz unbegründete Vorrechte er zu schützen und zu schirmen hat.
Für solche durch gar nichts begründete, sondern nur widersinnige, eingebildete Rechte wird dem Soldaten rechtlos die Pflicht aufgebürdet, die Mordwaffen zu gebrauchen nicht nur gegen die Brüder vom Standpunkte des allgemeinen Menschentums, sondern sogar gegen die leiblichen Brüder, gegen Vater und Mutter selbst, wenn der Herrscher es befiehlt.
Eine zweite unproduktive Arbeit ist die Betätigung in dem jetzt üblichen Handelsbetriebe und dem damit zusammenhängenden Kanzleiwesen.
Ganze Armeen von Personen sind dabei beschäftigt, nur wenige, und das gerade die, die die wenigste und leichteste Arbeit leisten, erhalten mehr als auskömmliche Gehälter, während diejenigen, die die Hauptarbeit verrichten, kaum das zum Leben Notwendige bekommen.
Besieht man sich die Arbeit selbst etwas genauer, so merkt man bald, daß da die Waren (seite 23) nur hin und her gefahren werden, von einem Geschäft zum anderen, vom Erzeuger zum Großhändler, vom Großhändler zum Kleinhändler und in lieblicher Abwechslung so weiter, und bis sie den Konsumenten erreicht hat, ist sie im Preise um das Doppelte und Dreisache von dem gestiegen, was sie beim Erzeuger selbst gekostet hat.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 21


 

Seite 21

Schafft eine nicht im Hamse, dann legt sie selbst auch Hand an und hilft dem Manne verdienen.
Sie arbeitet sich ab und indessen verkommt zu Hause die Wirtschaft und werden die Kinder vernachlässigt.
Dann kommt noch Kummer und Kränkung dazu, und wenn das Iahr vorüber ist, ist wieder nichts erübrigt und für die Zukunft nicht gesorgt.
So geht es weiter, ich möchte trostlos sagen bis in die Unendlichkeit, wenn ich Trost nicht fände in den Gesetzen der Natur, über die auch jene nicht hinaus können, die unsere reizende Gesellschaftsordnung ersonnen haben und mit den Mitteln ihrer Macht und ihres Reichtums durchzwingen.
Eines dieser Naturgesetze aber heißt: Druck erzeugt Gegendruck.
Unumstößlich, wie jedes Naturgesetz, ist auch dieses: Der Gegendruck wird seine explosive Kraft beweisen, wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, und diese Zeit rasch genug herbeizuführen, dem müssen wir unser Denken weihen.
Blättern wir nur zurück in dem Buche der Geschichte!
Wie oft und wie segensreich hat sich da dieser Gegendruck schon geäußert!
Ided Aeußerung des Gegendruckes hat uns ein kleines Endchen an Freiheit mehr gebracht, Freiheit in gewissen Institutionen, oder Freiheit im Denken.
Auch dieses war ja, noch ist es nicht gar lange her, in Fesseln geschlagen und Galileo Galilei erlitt von Henkershand den Tod auf dem Scheiterhaufen, weil er dem Weltensystem nachgegrübelt und die Wahrheit gefunden hatte, daß die Erde sich um die Sonne bewegt.
„E pur si muove“, rief er sterbend seinen Henkern noch zu, und doch bewegt sie sich, sie wird sich immerdar bewegen, und mit ihr wird sich auch der Menschengeist bewegen, vorwärts bewegen, bis die ersehnte Zeit herankommt, bis sich auch die Wahrheit ans Tageslicht wagen wird, daß alle Menschen gleich und gleichberechtigt sind, daß die Welt nicht für einen, nicht für einige wenige erstand, daß sie allen gehört, die auf ihr leben.
Erst wenn diese Zeit erschienen sein wird, wird wahrer Friede herrschen, wirkliche Brüderlichkeit und echte allgemeine Menschenliebe.
An der Arbeit werden all mit Lust und Liebe zugreifen, keiner wird sich zurückziehen, weil Arbeit nicht mehr Zwang, sondern die freie Betätigung des Willens zum Leben und des Willens, der Allgemeinheit zu dienen, sein wird.
Kummer und Sorgen werden verschwunden sein, denn jeder Mensch wird imstande sein, sich ordentlich zu ernähren und anständig zu kleiden, seine Kinder ordentlich erziehen zu lassen.
Somit werden alle reich sein, weil sie alles haben werden, was ihnen nötig ist und weil dann jene Zufriedenheit von den Menschen Besitz ergreifen wird, die in der Natur der Sache begründet ist und verhindern wird, daß einer sich mehr Besitz ersehnt.
Dann wird der Begriff der Armut nur mehr der Geschichte der Vergangenheit angehören.
Wer noch an die Menschheit glaubt, der wird sich sagen müssen, daß der Menschengeist nur nach dieser Richtung hin sich betätigen kann, und da wir alle an die Menschheit glauben, so dürfen wir die schöne Zuversicht (seite 22) hegen, daß der Geist nicht ruhen wird, bis unserer Gesellschaft zu dem paradiesischen Gemeinwesen umgestaltet sein wird, von dem ich träumte und immer noch träume, bis das märchenhafte „Tischlein deck dich für alle!“ zur Wahrheit geworden sein wird.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Wednesday, June 13, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 20


 

Seite 20

Ist der Mann fort, dann kommen die Kinder an die Reihe, die zur Schule (seite 20) müssen.
Sie müssen mit dem knappen Frühstück beteilt und beim Anziehen überwacht werden, daß der Lehrer an ihrem Aeußern nichts zu mäkeln habe.
Nach ihnen kommen die kleineren Kinder daran, die ihr Frühstück wollen, gewaschen, gekämmt und angekleidet werden müssen, und ehe sie an die eigentliche Hausarbeit nur denken kann, ist schon ein großer Teil des Vormittags vorüber.
Ietzt-ist der Tisch abzuräumen, das Geschirr zu reinigen und an seinen Platz zu bringen, das Bett zu machen, die Wohnung zu säubern.
Nun beginnt auch schon die Sorge für den Mittagstisch.
Was soll wohl heute wieder gekocht werden?
Das Geld ist knapp, viel kosten darf also das Mahl nicht, und doch sollen alle die hungrigen Mäulchen gestopft und soll dafür gesorgt werden, daß dem Körper die notwendigen Baustoffe für sein Wachstum und Gedeihen zugeführt werden.
Es folgt das Mittagessen, ohne den Gatten und Vater natürlich, oder vielmehr unnatürlich, und wieder abräumen, Geschirr waschen, in Ordnung bringen, und schon ist auch ein Teil des Nachmittags weg.
In der Ecke aber liegt schon ein Häuflein zerrissener Kleider und Wäschestücke, die der bessernden Hand bedürfen.
Eigentlich sollte ja Neues angeschafft werden, aber es langt ja nicht dazu, da muß eben ein Flicken neben den anderen, manchmal wohl auch einen über den anderen gesetzt werden, um die Sachen notdürftig in Stand zu setzen und wieder halbwegs gebrauchsfähig zu machen.
Darüber rückt die Zeit des Abendbrotes heran, es muß etwas eingeholt werden, denn der Mann kommt müde und hungrig heim und die Kinder haben immer Appetit.
An sich denkt die arme Geplagte am allerwenigsten und zu allerletzt.
Sie geht also einholen, die Kinder bleiben inzwischen allein und ohne Aufsicht, und geschieht inzwischen zu Hause irgend ein Unglück, dann kommt am Ende noch Nachbar A und Nachbarin B und verdammt die arme Mutter, die auf ihre Würmer nicht aufpaßt, sie allein läßt, statt sich um sie zu kümmern.
Dann wird das Abendbrot fertig gemacht, es wird gegessen, wieder muß der Tisch abgeräumt, das Geschirr gewaschen und besorgt, dann die Kinder zu Bette gebracht werden, der Tag ist zu Ende, mit ihm aber auch die Arbeitskraft und die Arbeitsfreude der gehetzten Frau.
Für ihre körperliche Erholung blieben ihr die wenigen Stunden Schlafes, für ihre geistige nichts, gar nichts, rein nichts.
So geht es denn einen Tag um den anderen, hie und da kommt noch zur angenehmen Abwechslung ein Waschtag dazwischen oder Großreinemachen oder ähnliche Hauswirtschaftssorgen, in diesem ewigen arbeitsreichen Einerlei vergeht Woche um Woche, Monat um Monat, Iahr um Iahr.
Fragt Euch selbst, Ihr armen, geplagten Frauen.
Ist ein solches Leben menschenwürdig?!
— Nein und abermals nein!
Eure Männer wissen es nicht, denn sie sehen es nicht, da sie doch herausmüssen ins „feindliche Leben, zu schaffen, zu streben“.
Es gibt sogar Kurzsichtige darunter, die noch meinen, die Frau habe es doch so herrlich schön, da sie nicht Hinaus müsse in die Arbeit.
Und dennoch habt Ihr die große Last.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Tuesday, June 12, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 19


 

Seite 19

Er ist ja der wirtschaftlich Schwache, über den der wirtschaftlich Starke rücksichtslos hinwegschreiten darf zu seinem Vorteile, über den er — er bezahlt ihn ja dafür mit einem Iammerlohne — nach Willkür verfügt zu seinem Vorteile, über dessen Leben er sogar zu seinem Vorteile versügt, indem er ihn an ungeschützte Transmissionen stellt, daß sie ihn tückisch erfassen und fort- (seite19) reßen in einen todbringenden Wirbeltanz, ihn in Steinbrüche stellt, wo Felsstürze ihn erschlagen, ihn in Bergwerke sperrt, wo giftige Gase ihn verderbendrohen umlauern, und alles das, weil er ihn „bezahlt“, ihm ein Millionten von dem, was der Arbeiter für ihn errackert, abgiebt, gerade genug, daß er des Leibes Bloße bedecken kann und nicht verhungert.
— Oder doch, er ist frei, er hat die Freiheit nämlich, seine Arbeitskraft zu verkaufen, zu verkaufen an täglich einen anderen Menschen, einen, der gerade so Mensch ist wie der Arbeiter selbst, aber die Macht hat, weil er das Geld hat, diese Arbeitskraft schäbig zu bezahlen.
Und wenn ein Iahr der Arbeit für den Arbeiter, ein Iahr des Wohllebens und des Genusses für den Mächtigen um ist, was ist des Iahres Ernteergebnis?
Der Reiche ist noch reicher geworden, der Arbeiter aber hat, wenn es gut ging, sein Leben kärglich gefristet, seine Familie kümmerlich ernährt, und was hat er erübrigt? — Nichts.
Wieder beginnt ein neues Iahr, wieder geht es in die Tretmühle harter Arbeitsfrohn, wieder ist am Schlusse das gleiche Ergebnis da, und Iahr und Iahr vergeht, eines wie das andere, und der Arbeiter bleibt immer auf demselben Flecke stehen, was er erübrigt hat, ist das leere, grausige, jammervolle Nichts.
Dann kommt das Alter.
Ist denn dafür gesorgt, Notgroschen zurückzulegen?
Dazu langte es nicht, und weiterarbeiten kann man ja nicht mehr, die Kraft reicht nicht mehr aus, da sie verzettelt und vergeudet werden mußte im Dienste für den Reichen.
Der aber hat ja Auswahl genug unter jungen, kräftigen Leuten, er würde sich ja nur für dumm halten, den Alten, Kraftlosen zu beschäftigen, wo des Iungen Kraft ihm das Vielfache von dem erschuften kann, was des Alten Kraftlosigkeit noch schaffen könnte.
Der Tungkräftige tritt an die Stelle des Altersschwachen, für den Alten ist schon gesorgt, er kann ins Armenhaus kommen, wo so herrlich — wer lacht da? — für ihn gesorgt ist, oder er kann — betteln gehen.
Ist es unter solchen Umständen für den Arbeiter nicht der Mühe wert, sein Hirn ein wenig anzustrengen und ernst darüber nachzusinnen, ob diesen schreckhaften Zuständen nicht ein Ziel gesetzt, wie dieser Zustand gebessert werden könnte?
Auch an die Frauen der Arbeiter möchte ich meine Worte dringen lassen, auch an sie, und in mancher Beziehung in erster Linie an sie, möchte ich die Aufforderung richten, darüber nachzu-sinnen und sich gegenseitig aufzuklären.
Denket zunächst an Euer gegenwärtiges Los, Ihr Frauen!
Am frühen Morgen muß die Arbeiterfrau im Sommer und im Winter sich von ihrem Lager erheben, Frühstück bereiten und das Mittagsbrot, das der Mann für die Mittagspause mitnimmt, da die kurze ihm dafür gewährte Frist nicht dazu ausreicht, daß er es im Kreise der Seinen zu Hause einnehmen könnte.
Am frühen Morgen muß sie damit beginnen, damit der Mann nur rechtzeitig an seine Arbeitsstätte kommt.
Ist der Mann fort, dann kommen die Kinder an die Reihe, die zur Schule (seite 20) müssen.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Sunday, June 10, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 18


 

Seite 18

Später wurde eine Weltsprache neben der Muttersprache der einzelnen eingeführt und in alen Schulen gelehrt und dadurch verschmolzen sich die Völker allmählich zu jenem Bruderreiche, in dem wir nun das Glück haben zu leben, Dank unseren Vorfahren, die harte Kämpfe und Verfol- (seite18) gungen zu bestehen hatten, um das zu erreichen, denn sie waren es, die dem Erdenvolke ein Licht angesteckt haben, das nie erlöschen und in kurzer Zeit die noch zurückgebliebenen Völker ebenfalls erreichen wird.
Die Arbeit wurde Erholung und Zerstreuung statt einer Last, wie es früher der Fall gewesen war.
Es gab keinen Zwang mehr, jeder konnte nach seiner Neigung arbeiten und war aller Sorgen um die nächste Zukunft enthoben.
Der überflüssige Tand verschwand, der früher Tausende von Menschen zu nutz-und zweckloser Arbeit gezwungen hatte und nur darum erzeugt worden war, um andere zu bereichern.
Die jungen Leute, die Söhne des Volkes, die früher unnütze Militärdienste zu leisten gezwungen waren, sind zu nutzbringender Arbeit herangezogen, den Frauen ist die so anstrengende, erniedrigende Haushaltarbeit, Kochen, Waschen, Putzen usw. abgenommen und wird durch kräftige Männerhände und Maschinen getan, durch Zusammenziehung hunderter von Haushaltungen zu einer vereinfacht und segensreich gemacht für das große Ganze.
Die Menschheit jauchzte auf über die friedlich errungenen Erfolge und konnte es schließlich gar nich begreifen, wie es zugegangen war, daß die früheren Geschlechter diese Einfachheit nicht früher hatten erfassen können, daß sie ihre unwürdige Sklaverei so lange, so unmenschlich lange hatten ertragen können.
So sprach meine Freundin zu mir. Meine Brust weitete sich bei dem Gedanken an das Gehörte und Gesehene, ein tiefer Atemzug sollte mir Kraft geben zu einem lauten Iubelruf, da  — erwachte ich und die öde, nackte, den Geist und den Körper niederzwingende Wirklichkeit lag wieder vor mir.

3. Teil.

Vielleicht sind mir meine Leser gefolgt in mein Traumland. Wenn sie es getan haben, so werden sie wohl auch noch so viel Zeit und so viel Geduld aufbringen, einigen Worten zuzuhören, die ich hiermit an sie, namentlich an die Arbeiter unter ihnen und an die Arbeiterfrauen richte und die ich des genaueren Nachdenkens für würdig halte.
In dem Paradieslande, das mein Traum mir vorgegaukelt, herrscht Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe.
Herrschen sie auch in unserer Welt?
Liebt der Reiche seinen Bruder Arbeiter?
Erachtet er ihn in irgendeiner Beziehung gleichgestellt?
Und vor allem, ist der Arbeiter in dieser mit bitterer Ironie „die beste aller Welten“ genannten Welt frei?
Mit nichten!
Oder doch, er ist frei, aber vogelfrei!
Er ist ja der wirtschaftlich Schwache, über den der wirtschaftlich Starke rücksichtslos hinwegschreiten darf zu seinem Vorteile, über den er – er bezahlt ihn ja dafür mit einem Iammerlohne – nach Willkür verfügt zu seinem Vorteile, über dessen Leben er sogar zu seinem Vorteile versügt, indem er ihn an ungeschützte Transmissionen stellt, daß sie ihn tückisch erfassen und fort- (seite 19) reßen in einen todbringenden Wirbeltanz, ihn in Steinbrüche stellt, wo Felsstürze ihn erschlagen, ihn in Bergwerke sperrt, wo giftige Gase ihn verderbendrohen umlauern, und alles das, weil er ihn "bezahlt", ihm ein Millionten von dem, was der Arbeiter für ihn errackert, abgiebt, gerade genug, daß er des Leibes Bloße bedecken kann und nicht verhungert.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Thursday, June 7, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 17


 

Seite 17

Die Soldaten, denen sich begeisterte junge Leute überhaupt anschlossen, kehrten von ihrer unvernünftigen zur vernunftgemäßen Arbeit zurück, verteilten sich überallhin auf das Land und bewirtschafteten es gemeinsam mit den Bauern, die Handwerker erzeugten, was sie zu erzeugen gelernt hatten und tauschten es mit den Landarbeitern gegen deren Ernteschätze aus, die Fabrikarbeiter erkoren sich Lehrer und Führer in den Fabriken und stellten dort wieder die Maschinen her, die von Landwirten und Handwerkern benötigt wurden, und so begann fast von selbst und auf die natürlichste Weise jener (seite17) Kreislauf, der unter planmäßiger Durchführung nach dem Systeme höherer Ueberlegung zu jenen Einrichtungen führte, die nun in diesem großen Gemeinwesen der Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe üblich war.
Auch in den Großstädten war mittlerweile Ordnung in den chaotischen Zustand gekommen.
Die Verteilung der Lebensmittel hatte eine regelmäßige Fortentwickelung genommen, das Fehlende wurde allmählich durch Zufuhren vom Lande wieder ergänzt.
Eine Menge von Palästen, Hotels, Kasernen und großen Wohnhäusern war ja leer geworden.
Diejenigen, die Obdach brauchten, wurden den jeweiligen Verhältnissen entsprechend darin untergebracht und so ging alles in verhältnismäßig kurzer Zeit seinen in des Wortes guter Bedeutung normalen Gang.
Nachdem nun nach Verlauf eines Iahres die Ordnung wieder einigermaßen hergestellt war, begannen sich aus den intelligenteren Kreisen Gruppen und Abteilungen zu bilden, um das Programm einer freien menschlichen Gesellschaft auf ehrlichem Wege durchzuführen und zu vervollständigen.
Da unterdessen schon vorher das Zeitungswesen reorganisiert war und statt der vielen Konkurrenzzeitungen nur mehr ein Blatt für jede Sprache hergestellt wurde, war es ein Leichtes, das Volk über den weiteren Inhalt und Aufbau des Wesens der zukünftigen freien menschlichen Gesellschaft aufzuklären.
Die Schulen wurden wieder eröffnet und noch erweitert, die Iugend wurde anstatt in die Fabriken in weitere Fortbildungsschulen geschickt, das Geld, als das alleinige abscheuliche Mittel zur Versklavung der Menschen durch den Menschen wurde abgeschafft, indem Gold und Silber eingeschmolzen und die sämtlichen Wertpapiere verbrannt wurden.
Der Privatbesitz an Grund und Boden sowie Gebäuden jeder Art wurde aufgehoben und so das Land, das ursprünglich dem Volke gehört hatte, als Eigentum des gesamten darauf wohnenden Volkes erklärt und allmählich das neue Bruderreich begründet, die Staaten in dieses eine Reich verschmolzen.
Das Land wurde mit Hilfe der schon bekannt gewesenen und nun noch erheblich verbesserten Maschinen bewirtschaftet und unter Mithilfe der Naturwissenschaften, besonders der Chemie und der Elektrizität, konnte man in einem Iahre das Vierfache der Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft erzielen.
Große Massen der Bewohner der Großstädte verließen diese, um sich gruppenweise ein neues Heim zu gründen, aus der Erde wurde an Stelle eines irdischen Iammertales in wenigen Iahrzehnten ein göttliches Paradies geschaffen, das von vielen ersehnte „Tischlein deck dich für alle“ deckte sich auch wirklich für alle.
Später wurde eine Weltsprache neben der Muttersprache der einzelnen eingeführt und in alen Schulen gelehrt und dadurch verschmolzen sich die Völker allmählich zu jenem Bruderreiche, in dem wir nun das Glück haben zu leben, Dank unseren Vorfahren, die harte Kämpfe und Verfol- (seite 18) gungen zu bestehen hatten, um das zu erreichen, denn sie waren es, die dem Erdenvolke ein Licht angesteckt haben, das nie erlöschen und in kurzer Zeit die noch zurückgebliebenen Völker ebenfalls erreichen wird.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Wednesday, June 6, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 16


 

Seite 16

Die wirklich Gelehrten fanden sich dann ebenfalls ein, entwarsen Pläne, wie einer bkutigen Revolution vorzubeugen sei und (seite 16) beeinflussten die höheren Militärs, die nach und nach zur Einfsicht kamen, daß es kinen Zweck habe, gegen das Volk anzukämpfen.
Die Arbeiter begriffen sehr schnell, daß nur ein Universalstreik ihnen helfen könne und organisierten sich daraufhin und eines Tages, als der Druck am stärksten war, wurde der Generalstreik erklärt, dem sich allmählich alle Arbeiter-organisationen ohne Ausnahme, auch das Dienstpersonal der Reichen und Reichsten mit nur ganz wenigen Ausnahmen anschlossen.
Es wurden allerwärts Versammlungen abgehalten, die von intelligenten Rednern aufgeklärt und angefeuert wurden.
Die Polizei suchte diese Versammlungen zu verhindern, sah sich aber angesichts der Massen des Volkes gezwungen, „unverrichteter Dinge“ abzuziehen.
Dann wurden die Straßen immer leerer, Volksaufläufe kamen nicht vor, die Sache verlief in aller Ruhe, wurde aber für die Besitzenden von Tag zu Tag kritischer.
Militärabteilungen durchstreiften wohl die Straßen, sie fanden aber nichts zu tun, weil das Volk sich ruhig verhielt.
Die Reichen und Herrschenden ahnten, das alles bedeute nur die Ruhe vor dem Sturme.
Mit den wenigen ihnen „treu“ gebliebenen Dienern und Dienerinnen holten sie ihre Equipagen hervor, bestiegen ihre Yachten und suchten einsame, verlassene Gegenden auf, wo sie meinen konnten, daß sie der Sturm nicht erreichen könne.
Nun erst hatten die Streikenden mehr Raum und Muße, die Lage genauer zu übersehen und die zunächst zu unternehmenden Schritte genau zu erörtern und mit der notwendigen Sorgfalt zu unternehmen.
Da die Hefe des Volkes, an der es zu jener Zeit Dank der merkwürdigen, von den Besitzenden für die Besitzenden eingerichteten Gesellschaftsordnung nicht fehlte, sich zur Plünderung anschickte, griffen die Organisierten ein, schützten die Warenhäuser und lebensmittelniederlagen und belegten sie mit Beschlag für die große Allgemeinheit, das Volk.
Alsbald schritt man an eine regelmäßige Verteilung von Lebensmitteln und Bedarfsartikeln und von da zur Ergänzung der Vorräte durch planmäßige Arbeit ohne lohn, eben nur für die große Allgemeinheit und deren Bestes, wie sie kurz darauf in Aufnahme und Uebung kam, war nur mehr ein Schritt.
Das Militär, das sich bisher an die erzwungenen Eide gebunden erachtete, sah nunmehr ein, daß ein erpreßter Eid nichts gemein habe mit Manneswort, Treu und Glauben vom moralisch-ethischen Begriffe, fand heraus, daß es nur Brudermord sei, zu dem man es gepreßt hatte, und beinahe geschlossen ging es zum Volke über.
Die Soldaten, denen sich begeisterte junge Leute überhaupt anschlossen, kehrten von ihrer unvernünftigen zur vernunftgemäßen Arbeit zurück, verteilten sich überallhin auf das Land und bewirtschafteten es gemeinsam mit den Bauern, die Handwerker erzeugten, was sie zu erzeugen gelernt hatten und tauschten es mit den Landarbeitern gegen deren Ernteschätze aus, die Fabrikarbeiter erkoren sich Lehrer und Führer in den Fabriken und stellten dort wieder die Maschinen her, die von Landwirten und Handwerkern benötigt wurden, und so begann fast von selbst und auf die natürlichste Weise jener (seite 17) Kreislauf, der unter planmäßiger Durchführung nach dem Systeme höherer Ueberlegung zu jenen Einrichtungen führte, die nun in diesem großen Gemeinwesen der Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe üblich war.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 15


 

Seite 15

Die Arbeitszeit wurde wohl um ein geringes verkürtzt, aber nur durch fortwährende Strikes und Kämpfe, die jedesmal den schon längst aus dem Gleichgewichte gebrachten wirtschaftichen Haushalt des Arbeiters noch ärger (seite 15) verwirrten und in Unordnung brachten.
Dabei machte die Maschinentechnik so ungeheure Fortschritte, daß immer mehr Arbeiter überflüssig wurden und die Erwerbslosigkeit ein allgemeines und nicht länger zu ertragendes Uebel wurde.
Woher ihr Reichtum kam, wie viel saurer Schweiß der Armen daran klebte, darüber dachten die Reichen nicht nach.
Die armen Reichen!
Sie wußten es ja nicht anders, sie waren ja im Ueberfluß geboren und in Ueppigkeit herangewachsen, sie dachten wohl, daß es so sein müsse und nicht anders sein könne.
Sie hielten es wohl für ein Naturgesetz, daß die Arbeiter ihre Untergebenen seien, verpflichtet, ihre Wünsche zur Ausführung zu bringen, da sie ja dafür bezahlt würden.
Sie übersahen dabei nur, daß mit der fortschreitenden Zeit auch der Menschengeist fortschritt und daß der geistige Fortschritt sich auch durch Gewaltmittel nicht aufhalten läßt.
Die arbeitende Klasse wurde immer intelligenter, stellte immer höhere Ansprüche auf Lebensführung sowie auf Bildung, bis schließlich der Druck und Gegendruck den Höhepunkt erreicht hatte und eine gewaltige Reibung erzeugten.
Die Organisationen der arbeitenden Klasse wurden nun immer größer und mächtiger, sie entledigten sich ihrer korrupten, falschen Führer und nahmen allmählich die Lehren der aufgeklärten, ehrlich denkenden und das Prinzip der freisozialen menschlichen Gesellschaft, en freien Kommunismus lehrenden Leute auf, sie hörten deren Vorträge und lasen deren Schriften, während die Reichen sich auf den Staat stützten, der mit seinen Soldaten und Polizisten das Volk immer mehr bedrückte, bis die Zustände unhaltbar wurden.
Als schließlich in einem großen Reiche die Explosion erfolgte, die Revolution zum Ausbruch kam, sprang sie wie ein zündender Funke auch auf andere Reiche über, es entstand die schon längst erwartete allgemeine soziale Revolution.
Die organisierten Arbeiter waren zu der Einsicht gekommen, daß trotz aller Solidarität wegen der ungeheuren Machtmittel der Besitzenden auch die größten Strikes einzelner Organisationen immer erfolglos verliefen.
Durch die lehren der intelligenteren, ehrlichen Kollegen, die sich in jeder Organisation befanden, angefacht, lernten sie begreifen, daß es nur ein Mittel gäbe, schnell zu gewinnen, und dieses Mittel heißt: Generalstreik, und dieser ist gleichbedeutend mit Revolution.
Gleichzeitig wurde es auch in den bürgerlichen Kreisen lebendig, sie erwachten ebenfalls aus dem langen Schlafe, der sie nicht erquickt hatte.
Sie gründeten Vereine auf der Grundlage einer freien Gesellschaft, hielten Versammlungen ab, woran sich Männer und Frauen aus den verschiedensten Klassen beteiligten.
Die sogenannten intelligenteren Klassen sahen ebenfalls ein, daß das Rad nicht mehr zum Aufhalten sei und beteiligten sich an den Volksversammlungen, die allerorts stattfanden und immer zahlreicher wurden.
Die wirklich Gelehrten fanden sich dann ebenfalls ein, entwarfen Pläne, wie einer blutigen Revolution vorzubeugen sei und (seite 16) beeinflussten die höheren Militärs, die nach und nach zur Einsicht kamen, daß es kinen Zweck habe, gegen das Volk anzukämpfen.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.

Saturday, June 2, 2012

Process: Tischlein, Deck Dich für Alle: Page 14


 

Seite 14

Große Gepäckstücke nimmt niemand auf die Reise mit.
Das wäre ebenso ungeschickt als zwecklos, da jeder und jede das zum gewöhnlichen Bedarf Notwendige an jedem Platze, wohin die Reise führt, haben kann, weshalb jeder Reisende nur eine kleine Handtasche mitführt, worin sich etwas Leibwäsche und etwa ihm lieb gewordene Kleinigkeiten oder Bedarfsartikel befinden.
Bei Beginn der Winterszeit ziehen es viele der älteren Leute vor, nach dem warmen Süden zu reisen, um die kältere Iahreszeit dort zu verbringen, denn sie finden dort dieselben sozialen Einrichtungen vor wie hier und können sich dort ebenfalls einer Beschäftigung widmen, die ihnen entspricht.
Die jüngeren Leute bleiben gewöhnlich in den nördlichen Gegenden, um den Wintervergnügungen, deren es allerlei, wie Schlittenfahren, Eislaufen u. dergl. gibt, auszukosten und zu genießen.
Was das Fahren betrifft, so werden die elektrischen Bahnen von Mitgliedern der Ingenieurbataillone geleitet, die sich in gewisser Zeit gegenseitig ablösen.
Die Wagen sind praktisch und bequem eingerichtet: Nachtfahrten finden überhaupt nur in besonderen Ausnahmefällen statt, da die Reisenden es nicht nötig haben, möglichst schnell an das Reiseziel zu kommen, denn niemand hat etwas zu versäumen.
Alle Vorsichtsmaßregeln sind auf das sorgfältigste getroffen, Unfälle und ähnliches sind daher gänzlich ausgeschlossen.
Die einen Geleise sind nur für den Personenverkehr vorhanden, während Frachten auf besonders hierfür angelegten Geleisen befördert werden.
Diese Beförderung wird ebenfalls von der Ingenieurabteilung geleitet.
2. Teil

Wie es kam.

Auch wie es kam, mußte mir meine Freundin in ebenso natürlicher wie anziehender Form zu schildern.
Ein großer Luxus hatte unter den Reichen und Mächtigen platzgegriffen, so daß das Volk, das für alles aufzukomme hatte, immerhärter durch Steuern und Abgaben bedrückt wurde.
Die Preise der Lebensmittel, deren Bestimmung überhaupt in Händen der Trustgesellschaften waren, stiegen von Iahr zu Iahr, bis zu unerschwinglicher Höhe.
Einzelne Reiche häuften immer weiter Million auf Million, eigneten sich das ganze Land an, während die arbeitende Klasse es kaum mehr erschwingen konnte, sich einen kleinen Bauplatz anzuschaffen, um ein Häuschen darauf zu bauen für die ohnehin so karg bemessene Zeit der Ruhe für den bis zur Erschöpfung ermüdeten Leid.
Trotz der Verteuerung aller Lebensbedürfnisse blieben die Arbeislöhne stabil.
Die Arbeitszeit wurde wohl um ein geringes verkürtzt, aber nur durch fortwährende Strikes und Kämpfe, die jedesmal den schon längst aus dem Gleichgewichte gebrachten wirtschaftichen Haushalt des Arbeiters noch ärger (seite 15) verwirrten und in Unordnung brachten.

 

Angerbauer, Joseph. Tischlein, Deck Dich Für Alle! Eine Betrachtung. West Norwood: Selbstverlag, 1908.